Auf den Hügeln des Lichts im Tale einer mondlosen Nacht
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Nur ein Gedanke

Sie redet nicht mehr mit mir. Jedenfalls hat sie kein einziges Wort mehr mit mir geredet, seitdem wir auf dieser gottverdammten Insel gelandet sind. Habe ich vielleicht ihren Stolz verletzt, indem ich sie gerettet habe? Sie wäre definitiv ertrunken, wenn ich mich nicht ihrer angenommen hätte. Womöglich sieht sie das anders, aber es ist nun einmal Thatsache. Was hätte ich denn machen sollen? Zusehen, wie sie stirbt? Das hätte ich mir nie verziehen, wenngleich die Möglichkeiten, von dieser Insel jemals wegzukommen, gegen Null tendiren. Zu allem Überflusse habe ich sie nun auch noch aus den Augen verloren. Irgendwie hatte ich das Gefühl, etwas zu ihr sagen zu müssen, doch ich hatte Angst, es könnte etwas so Belangloses dabey herauskommen, daß sie sich vor den Kopf gestoßen fühlen könnte, weswegen ich sie zunächst nur schweigend ansah. Als mir dann endlich etwas einfiel, was ich hätte sagen können, wandte sie sich so plötzlich um, daß ich völlig paralysirt zurückblieb und ihr nur mit den Augen folgen konnte, bis sie im Dschungel, oder was auch immer diese Materie darstellen mag, verschwunden war. Das war nicht richtig, es war weder richtig, nichts gesagt zu haben, noch sie einfach so gehen zu lassen. O, ich weiß, sie ist eine starke junge Frau, und mit ihren wasserblauen Augen, in denen das Meer einen Spiegel zu haben scheint, sowie ihren strohblonden Haaren vereint sie diese innere Stärke mit einer Weiblichkeit, wie man sie sonst nur in den Worten der Dichter findet. Doch wer weiß, was ihr in diesem seltsamen Gewächs alles begegnen könnte. Schnell könnten sich alle ihre Stärke und Schönheit als nutzlos erweisen. Doch ich bleibe sitzen, denn sie würde mich noch mehr hassen – ich bin mir ziemlich sicher, daß sie mich haßt –, wenn ich ihr hinterherginge. Statt dessen suche ich ein wenig Holz zusammen, jedenfalls scheint mir das Zeug, das ich sammle, Holz zu sein. Ich hoffe einfach, daß es brennt und sie zurückkommt, bevor es dunkel wird. Irgendwann muß sie doch zur Vernunft kommen.

Es dämmert und sie ist noch nicht zurückgekehrt, aber nach zahllosen gescheiterten Versuchen, Feuer zu machen, die mich fast dazu gebracht hätten, aufzugeben, ist es mir wenigstens doch gelungen, ein bißchen von dem Zeug, das für mich wie Holz aussieht, zu entzünden, so daß es heute Nacht ein wenig Wärme und Sicherheit spenden wird. Vorausgesetzt, sie bringt mich mit ihrer Abwesenheit nicht um Schlaf und Verstand.

Es ist inzwischen vollständig dunkel, und ich mache mir große Sorgen um sie, aber ich kann mich einfach nicht länger wachhalten. Ich bin erschöpft, das Feuer prasselt warm und gemütlich neben mir und wird so schnell nicht ausgehen, und das Rauschen des Meeres macht mich nur noch schläfriger. Schließlich ergebe ich mich und versinke in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Plötzlich schrecke ich auf und schaue mich um. Es muß tief in der Nacht sein, denn das Feuer ist schon ein großes Stück weit heruntergebrannt, und sofort füllt sie wieder meinen Kopf. Zunächst bin ich in einem Zustand, der eine Combination aus Trance und Panik zu sein scheint, als befände ich mich in einer Traumkulisse, nur daß es nicht mein eigener Traum ist. Darum übersehe ich sie auch zunächst, wie sie still dort sitzt und ins Leere starrt. Erst langsam wird mir bewußt, daß sie es tatsächlich ist, und mein Puls willigt, wenn auch langsam, ein, sich wieder zu beruhigen. Es ist still, furchtbar still, schauderhaft still, möchte ich sagen, abgesehen vom Feuer und Rauschen des Meeres selbstverständlich. Das war am Nachmittag nicht anders, aber die Stille scheint nun eine andere, eine tiefere, bedrohlichere. Es liegt nicht nur an der Dunkelheit, sondern es geht auch ein Stück weit von ihr aus, so eisig schweigend sitzt sie da. Mir gehen jetzt tausend Dinge durch den Kopf, was sie sich dabey gedacht hat, so einfach zu verschwinden, was ihr überhaupt durch den Kopf geht, wo sie war, seit wann sie zurück ist, warum sie mich nicht geweckt hat; ich möchte ihr sagen, daß ich mir Sorgen um sie gemacht, sie vermißt habe, daß ich ihretwegen fast den Verstand verloren hätte und verzweifelt wäre. Aber all das scheint mir unangebracht, sowohl die Vorwürfe, die ich ihr berechtigterweise machen könnte, als auch meine Gedanken und Emotionen. Ich folge also meinem Instinkt, meinem Bauchgefühl, und setze mich zu ihr. Sie hat den Kopf abgewandt, schaut, in Gedanken ganz weit weg, das sehe ich, in die Ferne, wo es eigentlich nichts zu sehen gibt. In den Himmel sieht sie nicht, nein, nur in diese scheinbar endlose Finsterniß. Ich warte ein wenig ab, doch sie scheint mich nicht zu bemerken, entweder das, oder sie will mich nicht bemerken. Und schließlich fällt mir ein, daß dies kein Märchen ist, denn dann hätte auch ich mich anders verhalten. Dann wäre ich ihr in diese Art Wald oder Dschungel gefolgt, hätte sie den Klauen eines scheußlichen Biests entrissen und auf meinen Armen davongetragen. Ich wünschte, es wäre so. Oder dies wäre eine Sage. Dann baute ich ein Floß, auf dem wir die sieben Weltmeere überquerten, durch wilde Stürme und über die höchsten Wellen, die man sich vorstellen kann. Und wenn wir zu Hause – wo auch immer das wäre – ankämen, feierten wir ein siebentägiges rauschendes Fest. Und wenn sie nicht gestorben sind… Wir sind nicht gestorben. Wir sind am Leben, nur daß es hier keine Helden gibt, keinen Princen und keine Princeß, keinen Drachen zu besiegen, kein verwunschenes Schloß zu entzaubern, kein verzaubertes Labyrinth zu durchqueren. Das Leben ist nicht so simpel gestrickt, höchstwahrscheinlich weil wir nicht so simpel gestrickt sind. Wir sind complex und complicirt, verklemmt und falsch, schüchtern, arrogant, stolz, von Hormonen und Sexualität corrumpirt. Womöglich sitzen wir gerade deswegen an diesem Strand, ich in meiner Welt und sie in ihrer, von denen doch jede jeweils Theil der anderen ist. Damit bin ich wieder hier, in der Realität, oder zumindest ist es das, was ich für die Realität halte. Immer noch sitzt sie neben mir, hat den Kopf in dieselbe Richtung abgewandt, schaut ins Dunkel. Da beschließe ich, doch zu versuchen, ein wenig mit ihr zu reden, nur ein bißchen Conversation zu machen, es thäte gut. Ich tippe ihr folglich etwas unbeholfen auf die linke, leicht entblößte Schulter. Auch wenn die Berührung nur kurz ist, fällt mir auf, wie angenehm glatt und weich ihre Haut ist, nicht makellos, denn das wäre langweilig. Sie ist nicht langweilig, das weiß ich. Vielleicht wünscht sie sich, sie wäre es, damit ich sie in Ruhe ließe. Sie spürt die Berührung, aber sie nimmt mich nicht wahr. Sie erschrickt nicht, obschon ich sie aus den Gedanken gerissen habe, sie wendet sich mir nicht einmal richtig zu, zeigt mir im wahrsten Sinne des Wortes die sprichwörtlich kalte Schulter, allein das Attribut »kalt« ist metaphorisch zu verstehen. Sie würdigt mich keines Blickes, was wörtlich zu verstehen ist. Natürlich müßte ich bereits in diesem Moment merken, daß es keinen Zweck hat. Aber in meiner Verwirrtheit, in meiner Unbeholfenheit und Unwissenheit unternehme ich trotzdem einige Versuche, ein Gespräch zwischen uns zu etabliren, die ersichtlicherweise von vorne herein zum Scheitern verurteilt sind. Und da passiert, was mir sonst nie geschieht: Mir gehen die Worte aus, ich werde betreten und verunsichert. Ich komme mir vor wie ein Bauer, der all sein Wasser aufgebraucht hat, um einem steinernen, ausgedörrten Boden doch zumindest eine einzige Plfanze, von deren Früchten er zehren könnte, zu entlocken, der sein Scheitern nicht begreifen kann, nicht begreifen will, weil seine leeren Hände ein unweigerliches Ende bedeuten, mit dem er niemals gerechnet hat, erfüllt von dem Bedürfniß, sich zu erschießen, wenn es ihm nicht auch an den nöthigen Mitteln dazu mangelte. Ein einziger Moment, ein bißchen Gestik und Mimik, eine kleine Interpretation, und die Welt stürtzt in sich zusammen. Möglich, daß das alles nur in meinem eigenen Universum stattfindet, in einer emotionalen, vielleicht zum Theil auch cognitiv begründeten Hölle, deren Urheber allein ich bin, während eine immerhin annehmbare obiective Realität an mir vorbeyzieht. Doch woher will ich wissen, daß es, wenn überhaupt, nur mir so geht? Bin ich thatsächlich der Einzige, der sich bei den Dingen, die er sagt und thut, bisweilen selbst beobachtet? Ich komme mir vor, als nähme ich die Position eines Anderen ein, bei einem Gespräch auch die des Gesprächspartners, und erzähle mir selbst etwas. Ferner scheint es daneben, oder besser darüber, noch eine Sichtweise zu geben, eine Art Metaebene, obiectiv und frey von aller Verderbnis des Lebens, der Erfahrung und der Isolation. Wie seltsam das klingt, und doch so vertraut, so einleuchtend, als gäbe es nichts Natürlicheres.
Da geht mir auf, wie weit ich schon wieder entfernt war, wie sehr ich schon wieder versucht habe, der möglichen Realität, immerhin einem empfundenen Itzt und Hie, durch Flucht in meine Gedankenwelt zu entkommen. Aber das alles hat sich bloß in wenigen Secunden in mir abgespielt, wiewohl es mir wie eine halbe Ewigkeit vorkommt. Daß es jedoch nicht einmal annähernd so lange gedauert haben kann, sehe ich an ihrem Gesichtsausdruck, der immer noch diese befremdliche Mischung aus Langeweile, Genervtheit und Gedankenversunkenheit widerspiegelt.
Wäre das hier der richtige Ort zur richtigen Zeit, und wären wir die richtigen Menschen, der richtige Mann und die richtige Frau, so hätte ich versucht, ihre Hand zu nehmen. Nicht im Sinne eines plumpen Anmachversuches oder eines subtilen sexuellen Verlangens, sondern als ein Zeichen von Zutraulichkeit, von Nähe, von einfacher Anwesenheit. Du bist nicht allein, würde das sagen wollen und wahrscheinlich allzu falsch aufgefaßt werden. Doch was ist das für ein Blödsinn? Wir sind zwey Menschen, die allein auf einer scheinbar völlig leblosen Insel gestrandet sind, deren Chancen auf eine Heimkehr nicht schlechter stehen könnten, und trotzdem benehmen wir uns, als hätten wir noch irgend etwas zu verlieren. Es erinnert mich so ein bißchen an die, wenn auch in einem etwas anderen Sinne, Realisation folgender Situation: Jemand fragt jemand anderen, ob er mit ihm ausgehen wolle. Darauf antwort dieser, daß er es nicht einmal thäte, wenn jener neben ihm selbst der letzte Mensch auf der Welt wäre.
Vielleicht ist wirklich die Welt um uns herum untergegangen, und wir sind die letzten Menschen, wer kann das schon sagen. Das würde jedenfalls diese absonderliche Insel und die Thatsache, daß wir noch keiner Lebensform außer uns beiden begegnet sind, erklären. Denn auch aus diesem Dschungel, oder was auch immer dieses Gewächs sein mag, ertönen keine Lebensgeräusche, was mir jedoch erst itzo auffällt, da wir hier schweigend, aneinander vorbeischweigend, müßte man sagen, sitzen. Wie, zur Hölle, macht sie das? Wie schafft sie, was sonst niemand fertigbringt? Ich komme einfach nicht dazu, zu sagen, was ich sagen möchte, als ob sie die Fähigkeit besäße, mich mental zu blociren. Einige oberflächliche Worte werden noch gewechselt, sie ist so leblos in ihren Augen und in ihrer Stimme, dann ist der Geist jeglicher Communication im Keime erstickt. Ich weiß nicht, warum sie sich wieder näher an dieses Gewächs setzen will, sie fragt mich mit toter Stimme, ob ich mitkäme, und ich folge ihr, obzwar es mir sinnnlos scheint. Nein, ich weiß, daß es sinnlos ist. Dann, nach kurzem Innehalten, ist sie wieder verschwunden, in diesem Zeug, vor dem es mich gruselt, dem ich nicht allzu nahe kommen möchte, weil es, trotz der supponirten Leblosigkeit, Lebenskraft verzehrend seyn könnte. Wie ich darauf komme, weiß ich nicht, es ist ein intuitiver Gedanke, der mich allein beim Anblick dieser, ich möchte einfach sagen »Materie«, erfaßt. Sie hingegen scheint sich davon angezogen zu fühlen, als hörte sie einen Ruf, dem sie folgen müßte. Ich sehe sie schon nur noch in weiter Ferne, unfähig, irgend etwas zu unternehmen, ich will nicht einmal mehr etwas thun, denn ich halte es nicht mehr aus, ertrage dieses Wechselbad der Gefühle, dieses Wirrwarr der Gedanken, diesen ständigen Wechsel zwischen Nähe und Distanz, diese unerbittliche Einsamkeit mit ihr und ohne sie nicht mehr. Ich stehe auf, zunächst etwas wankend, warte einen Moment, bis ich mich stabilisirt habe, beginne dann, mich in Bewegung zu setzen, erst langsam, dann immer schneller, aber ich renne nicht. Zielstrebig ohne Ziel, auf der Flucht vor allem und nichts, besonders aber vor ihr und ihrer Macht über mich. Letztlich steuere ich doch wieder die alte Feuerstelle an, wo das Feuer nur noch mit kleinen Flammen an der verbliebenen Materie züngelt, als ob es nach mehr lechzte, um sein Überleben kämpfte. Irgendwie erinnert es mich ein wenig an mich. Ein bißchen Materie habe ich noch übrig, also werfe ich sie dem Feuer zum Fraß vor, um die restliche Nacht nicht friren zu müssen. Erschöpft und auch mental ausgelaugt, emotional am Boden zerstört, lasse ich mich in den Sand fallen. Ich wünschte, statt des Meeresrauschens, so sanft es auch seyn mag, würde sie mich in den Schlaf wiegen. Und dieweil ich noch darüber sinnire, inwiefern die Materie sie beeinflussen mag, falle ich in einen kummervollen, doch zuletzt wieder traumlosen Schlaf.

Anderntags weiß ich nicht, wie mir geschieht. Ich stürze zurück ins Bewußtsein wie durch einen Hochgeschwindigkeitstunnel, als würde ich in eine andere Dimension katapultirt. Mir dreht sich alles und ich erbräche mich, wenn mein Magen nur nicht so furchtbar leer wäre. Doch gerade itzt, da ich zum ersten Mal bemerke, daß ich seit Ewigkeiten keinen Bissen mehr gegessen und keinen Schluck getrunken habe, bricht diese Welt erneut zusammen, und ich verliere abermals, vielleicht zum Glück, das Bewußtseyn.

Meine nächste Rückkehr ist die in ein Paradies. Es muss spät am Nachmittag sein, denn es dämmert schon wieder. Ich weiß nicht, ob es immer noch derselbe Tag ist, was jedoch keine Rolle spielt. Ich habe eine Gänsehaut, denn sie sitzt neben mir, streichelt mir den Kopf, sagt mir, ich müsse trinken, und ich trinke bereitwillig. Ich weiß nicht, wie sie das gemacht hat, woher sie dieses trinkbare Wasser hat, warum sie das hier plötzlich thut, wieso sie auf einmal so gut zu mir ist, und ich will es auch gar nicht wissen. Ich bin viel zu schwach, zu ausgebrannt und zu fascinirt von ihr, um auch nur einen anderen Gedanken zu fassen als diesen: ›Du bist so wunderschön‹, sage ich, natürlich nur in meinem Kopf, denn ich will nicht diese schönen Geschichten unterbrechen, welche sie mir ins Ohr flüstert, so voller Anmuth, so liebevoll wie eine Mutter zu ihrem einzigen Kind, das krank ist. Ich bin ihr hündisch ergeben, ohne eigenen Willen. O ich würfe mich in den Staub, dich anzubeten, wenn ich hier nicht schon so hilflos läge, und für eine einzige Berührung würde ich die Menschheit opfern.  Erleuchte mich mit deinem göttlichen Blick, ertränke mich in deinen Wasseraugen und schenk mir neues Leben, spei mir ins Gesicht und verleih mir Würde, reiß mir das Herz heraus, ich schenke es dir, es soll dir ganz allein gehören. Ich bin so süchtig nach deiner Nähe, es thut so gut, für eine Weile nicht gehaßt zu werden. Du bist der Mond und die Sonne, die Sterne und der Wind, mein Athem und mein Herzschlag, du bist ein ganzes Universum, und in dir allein will ich leben und sterben, so oft es dir beliebt. »Wie Recht du hast«, sagt sie und gebietet mir mit einer kurzen Handbewegung neuen Schlaf, in welchen ich augenblicklich entschlummere.

Diesmal jedoch ist es kein traumloser Schlaf, denn ich träume, wie könnte es anders seyn, von ihr, und ich weiß, daß sie es ist, die mir diese Bilder schickt. Sie hat itzo alle Macht der Welt über mich, ich bin ihr ausgeliefert wie ein verwundetes Thier – und sie weiß es. Sie weiß so viel, was ich nicht weiß, in allen Dimensionen und Formen meines Seyns kann sie mich durchdringen. Wahrscheinlich ist das der Grund dafür, daß ich plötzlich so viel Ehrfurcht vor ihr empfinde, alles ist allein dieser einzigen Ehrfurcht gewichen. Gewiß, sie braucht mich nicht, kein Stück weit, nur ich brauche sie, das wird mir nun klar. Womöglich liege ich im Delirium, bin krank und geschwächt vom Fieber, doch scheint mir, man kommt der Wahrheit erst in diesem Zustand richtig nahe, als bräche die Barriere der Rationalität entzwey und gäbe die Sicht auf die Dinge jenseits des Verstandes frey.

Mein Weg zurück in die Welt jenseits des Schlafes gestaltet sich etwas unsanfter als beym letzten Mal, aber wenigstens stürze ich diesmal nicht durch den Hochgeschwindigkeitstunnel. Ich fühle mich nach wie vor berauscht, doch beginnen nun auch wieder andere Gedanken, sich in meinen Kopf zu drängen. Zum Beyspiel der, daß ich mich nicht an das Leben vor dem Schiffbruch erinnern kann. Ich kann mich nicht einmal mehr entsinnen, ob ich es unmittelbar nach unserer Landung konnte. Vielleicht bin ich lediglich gestürzt und gefallen, habe mir den Kopf gestoßen und die Erinnerung verloren. Möglicherweise habe ich das alles nur geträumt. Aber aus welchem Grunde fühle ich mich dann so wirklich, weshalb hat sich all das so real angefühlt? Da fällt mir auf, daß ich während der ganzen Zeit noch keine fünfhundert Meter den Strand entlanggegangen bin, noch kein bißchen habe ich diese Insel, sofern sie denn eine solche ist, erforscht. Irgendwie beschleicht mich der Gedanke, daß es so seyn soll, daß es keinen Zweck hätte, die Insel zu erforschen, weil es nichts zu erforschen gibt. Sie ist nicht hier, das spüre ich, sie ist in einer anderen Welt, jenseits dieser Einöde. Mir schwant, daß ihre nächste Rückkehr an diesen Ort größere Veränderunge mit sich bringen wird, zu sehr dreht sich diese Welt um nichts, diese Welt, in der sie mich nur zuweilen besuchen kommt. Ich schaue in den Himmel, ich weiß nicht, was ich sonst thun soll. Die Luft scheint aufgeladen, und als die Verzerrungen der Atmosphäre neu beginnen, weiß ich, daß der Show-Down nicht mehr lange auf sich warten lassen wird.

Zum ersten Mal beobachte ich, wie sie die Grenzen der Dimensionen durchbricht, wie sie von der einen in die andere Welt tritt, »gleitet« scheint mir der bessere Ausdruck zu seyn. Ich sinke auf die Knie, weiß nicht, wohin mit mir, wohin mit meinen Händen; also werfe ich sie vor mein Gesicht, und da merke ich, daß ich weine, so schön ist sie.
»Du weißt, warum ich gekommen bin«, sagt sie.
»Das weiß ich«, bestätige ich.
»Hör auf zu weinen und komm her. Leg den Kopf in meinen Schoß.«
Sie streichelt mir wieder ein wenig den Kopf und lächelt mich zuversichtlich an. Ich beruhige mich ein wenig und stammle »Ich liebe dich, liebe dich über alles… Ich bete dich an!«
»Ich weiß«, sagt sie besänftigend und hat immer noch dieses Lächeln auf den Lippen, für das ich alles und jeden töten würde. »Ich weiß.« Dann wird ihr Gesicht ernst. »Doch itzt mußt du zuhören, ich kann es dir nicht ersparen. Versprich mir, daß du mir zuhörst.«
»Zuhören. Nicht ersparen. Versprochen«, sage ich mechanisch.
»Viel zu lang schon sind wir beide zusammen.«
»Viel zu lang«, nicke ich.«
»Viel zu weit sind wir den Weg gegangen, bis an die Grenzen meiner Vorstellungskraft.«
»Viel zu weit«, spreche ich düster.
»Sogar bis hieher, an die Schwelle zur Realität, die du nicht übertreten darfst, so sehr du es dir auch wünschst.«
»Schwelle. Nicht übertreten«, sage ich traurig.
»Itzt weißt du auch, warum du deine Erinnerung verloren hast, und weswegen der Schiffbruch sich ereignet hat.«
»Keine Erinnerung. Schiffbruch. Ich weiß.«
»Doch hast du ein Eigenleben entwickelt, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Ich habe dir die Erinnerung genommen in der Hoffnung, du würdest vergehen, doch du warst schon zu stark, zu lebendig. Da habe ich uns auf ein Schiff gesetzt und dasselbe untergehen lassen in der Hoffnung, du würdest ertrinken. Aber nicht einmal ein ganzes Meer konnte dich noch töten, sogar mich hast du noch mit dir aus den Fluten an diesen Strand gezogen, weil du geglaubt hast, ich ertränke, so sehr liebst du mich.«
»Leben. Nicht vergehen. Nicht töten. So sehr… und noch viel mehr!« bringe ich hervor.
»Deshalb macht es mich itzo ein bißchen traurig, dir das anthun zu müssen.« Eine Träne beginnt, ihre Wange hinabzukullern, und landet auf meiner Stirn wie ein einzelner Regentropfen nach tausend Jahren Wüstenmarsch.
»Nicht traurig sein!« flüstere ich.
Da lächelt sie wieder ein bißchen auf die Art, die mich für Jahrhunderte glücklich macht, wenngleich die Augen feucht bleiben.
»Doch itzo… itzo mußt du sterben«, fährt sie fort. »Zu groß ist der Raum, den du einnimmst, zu hoch für mich der Anspruch, den du berechtigterweise stellst. Und da es meine Schuld ist, da ich dich geboren und dir eine Geschichte gegeben habe, bin ich es, die in der Pflicht steht, dein Leben zu beenden. Denn ich will dir nicht das Leid zumuthen, das dir bevorstünde, wenn du weiterlebtest.«
»Muß itzo sterben. Zu groß, zu hoch. Kein Leid«, sage ich ruhig.
»Mir ist es nicht gelungen, dich durch einen anderen Gedanken zu töten, also muss ich es auf die grausamste Art tun, die es für dich gibt: Das Vergessen.«
»Kein Gedanke. Töten. Vergessen.«
»Du bist an den Barrieren der Realität gescheitert. Noch. Doch ich weiß nicht, wie lange das noch gutgegangen wäre. Und kein Gedanke darf nach außen dringen, nicht in meiner Welt, nicht in der außerhalb meines Kopfes. Was du verbrannt hast, um ein Feuer zu machen, waren die Knochen toter Träume und Gedanken. Ich habe sie alle hier aufgetürmt, denn ich weiß nicht, ob es für sie ein Leben nach dem Tode gibt. Ich wollte einfach, daß sie mir nahe seyn können, ohne daß ich ihnen nahe seyn muß. Hier vor den Toren einer anderen Dimension, nach der sie sich so sehr verzehrt haben. Und bevor du nun auch ein Theil von ihnen wirst, will ich, daß du weißt, daß kein Gedanke es jemals so weit gebracht hat wie du. Kein Gedanke hat je diesen Ort gesehen, nicht vor seinem Tod. Und keiner von ihnen hat mich so berührt. Es tut mir leid. Doch es muß sein. Verstehst du das?«
»Verstehe«, strahle ich sie an wie ein Kind, das es nicht thut, aber ich thue es. Ich thue es ganz gewiß.
»Gewiss«, sagt sie zuversichtlich. »Ich glaube, ich habe dich sogar ein bißchen lieb gewonnen. Darum will ich dir noch einen letzten Wunsch gewären. Weißt du schon, was du dir wünschst?«
»Ich weiß es. Du auch.«
»Ja«, sagt sie. »Sofort?«
»Nicht erzwungen. Natürlich.«
Sie thut es. Dann schwinden mir die Sinne.
22.12.08 20:17
 


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